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Kreisalten- und Pflegeheim Werneck - Erfuellter Lebensabend in harmonischer Umgebung
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15.03.2011

Quelle: http://www.mainpost.de

WERNECK

Für kurze Momente zurück in der Gegenwart

Musik aus dem „Tölzer Würfel“ – Kreisalten- und Pflegeheim Werneck testet Abspielgerät für an Demenz erkrankte Menschen
„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste was es gibt auf der Welt“ – dass der Schlager ein wenig blechern durch den Raum schallt, liegt nicht am Abspielgerät, einem bunten Würfel, etwa so groß wie ein halber Schuhkarton. Sondern daran, dass die Aufnahme ziemlich alt ist. Sie stammt aus der Jugend der drei Herren, die um den Sofatisch sitzen und verzaubert den Klängen aus dem Würfel lauschen.

Foto u. Text: Mathias Wiedemann
Die Herren sind Bewohner des Kreisalten- und Pflegeheims Werneck. Sie alle sind über 85 Jahre alt und im fortgeschrittenen Stadium an Demenz erkrankt. Sie nehmen kaum nicht mehr bewusst am Alltag teil, wissen mitunter nicht, wer und wo sie sind, geschweige denn, welcher Tag heute ist. Die musikalische Reise in den Vergangenheit aber holt sie für kurze Momente aus ihrer Teilnahmslosigkeit zurück in die Gegenwart. Sie werden ansprechbar, und immer wieder dirigieren oder singen sie mit – Texte und Melodien von historischen Hits wie „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ oder „Am Sonntag will mein Liebster mit mir Segeln gehen“ sind offenbar unauslöschlich im Langzeitgedächtnis verankert.

Den klingenden Würfel stellt eine Firma in Bad Tölz her, weswegen er Tölzer Würfel heißt. Die charakteristische Form gehört – wie die alten UFA-Schlager – zu den vertrauten Resten im Bewusstsein der alten Menschen. Sie nehmen ihn ohne Hemmungen in die Hand, drehen oder schütteln ihn. Das ist so gewollt, denn wenn man den Würfel bewegt, fängt er an zu spielen – das Lied, das für die Fläche des Würfel hinterlegt ist, die oben zum Liegen kommt. Im Inneren verbirgt sich ein MP3-Player, auf dem die Lieder gespeichert sind.

Ein Jahr nun hat sich Wolfgang Pfister, Auszubildender zur Pflegefachkraft, in einer Projektarbeit mit dem Tölzer Würfel befasst. Er hatte im Zuge der Beschäftigung mit neuen Medien für Senioren von der Erfindung erfahren und angeregt, den Würfel in Werneck zu testen. Inzwischen hat Heimleiterin Simone Falkenstein mit der Hilfe von Sponsoren vier solcher Würfel – ein Exemplar kostet 250 Euro – angeschafft. „70 Prozent unserer Bewohner leiden an Demenz – da ist es wichtig, die richtigen Angebote machen zu können“, sagt Falkenstein.

Birgit Kirbye, die Leiterin des Sozialdienstes, wird den Tölzer Würfel ins Betreuungsprogramm des Heims aufnehmen, das eine ganze Reihe pädagogischer und gerontopsychiatrischer Angebote umfasst: „Wir wollen neue Wege gehen, da reicht Bingo schon lange nicht mehr.“

Erfunden hat den Würfel der Mathematiker Helmut Zucker, Leiter der Arbeitsgruppe „Intuitive Devices“ der Uni München. Zuckers Mutter war an Demenz erkrankt und konnte herkömmliche Radios oder CD-Player nicht mehr bedienen. Mit dem Würfel konnte sie eben intuitiv Musik in Gang setzen. Was er spielt, das lässt sich völlig frei festlegen: Wolfgang Pfister hat Angehörige nach den Lieblingsliedern der Bewohner befragt, die Uni Münster hat eine CD mit Vorschlägen herausgegeben, und im Handel gibt es längst Schellack-Klassiker in digitalisierter Form zu kaufen. Sechs Listen mit je sechs Liedern lassen sich so pro Würfel zusammenstellen, Pfister hat auch Märchen- oder Schlaflieder im Angebot – je nachdem, wie die jeweilige Senioren-Gruppe zusammengesetzt ist. Eine Sitzung dauert in der Regel eine halbe Stunde – „danach sind die Bewohner dann aber auch richtig erledigt“, sagt Pfister.

Inzwischen läuft zum vielleicht zehnten Mal „So ein Tag, so wunderschön wie heute“. Schwer zu sagen, ob aus Zufall oder nicht. Den alten Herren jedenfalls scheint es Spaß zu machen. „Ich musste auch erst rauskriegen, was läuft und was nicht“, sagt Pfister. Die Erfahrungen sind ermutigend. Mit Musik lasse sich besonders leicht eine Tür zur Wahrnehmung der Demenzkranken öffnen. Sie zeigen wieder Emotionen, freuen sich, wenn der Würfel ihnen gehorcht, oder erleben Momente der Klarheit. In denen es allerdings auch passieren kann, dass sie sich ihres Verlusts plötzlich bewusst werden – „wo bin ich denn gelandet“, fragte einmal ein fassungsloser Patient.

„Man müsste Klavier spielen können“, singt inzwischen eine helle Stimme, die sich nach jungem Jopi Heesters anhört. Wolfgang Pfister hat lange als Kaufmann im Ausland gearbeitet. Er ist Quereinsteiger und mit seinen 50 Jahren der älteste in seiner Klasse an der Berufsfachschule für Altenpflege in Schweinfurt. Er weiß noch, wie es war, als in der Schule viel gesungen wurde. Das sei heute oft nicht mehr der Fall. „Wer weiß also, was herauskäme, wenn man den heutigen jungen Leuten in 50 Jahren einen Tölzer Würfel in die Hand drückte“, überlegt er. Nun, vermutlich werden sie nicht mehr so viele Textzeilen auswendig kennen, wie die drei alten Herren auf dem Sofa.



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